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Hier finden Sie den folgenden Text auch im pdf-Format.

Liebe Gemeindeglieder,

vieles ist derzeit in unserem Alltag völlig umgestellt. Vieles steht still. Und neue Sorgen treiben uns um. Die Sorge um die Gesundheit gerade um die unserer älteren Menschen. Die Sorge um die finanzielle Situation einiger unserer Mitmenschen. Die Sorge um Kinder und Jugendliche, denen es vielleicht nicht gelingt ohne den geregelten Schulalltag zu lernen und voranzukommen. Die Sorge um Trauernde, die nicht wie gewohnt im großen Kreis in den Kirchen und anschließend bei Trauer-Cafés von ihren Verstorbenen Abschied nehmen können.

Vom Kirchenjahr her gesehen fällt unsere veränderte Situation gerade in die Zeit der Passionszeit. Von der Jahreszeit her fällt sie in die Zeit des Frühlings.

Ein Lied aus dem Gesangbuch verbindet beides miteinander: Frühlingszeit und Passionszeit. Es verbindet zudem auch die Passionszeit mit der Osterzeit: mitten im Dunkel und in der Schwere ist Hoffnung und Licht zu sehen. So lesen wir in dem Lied in der ersten Strophe (EG 98):

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,

Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt -

Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Das Bild vom Weizenkorn, von dem wir hier lesen, lehnt an Johannes 12,24 an: Christus spricht: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Im 1. Korintherbrief gebraucht der Apostel Paulus ebenfalls das Bild vom Säen und Aufkeimen der neuen Pflanze, um das Sterben und Auferstehen ins ewige Leben anschaulich zu machen.

Das Lied „Korn, das in die Erde“ verdichtet dieses Aufkeimen der Hoffnung auf ganz besondere Weise. Zunächst lässt uns das Wort „Erde“ an Tod und Dunkelheit denken, an Sorge und Trauer. Dann aber bekommt das Wort „Erde“ eine ganz andere Bedeutung, denn plötzlich ist nicht mehr von der Erde, sondern vom Acker die Rede. Der Dichter des Liedes nimmt hier Bezug auf den zweiten Schöpfungsbericht im 1. Buch Mose. Dort heißt es in 1. Mose 2,7:

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Die Erde, die zuvor in Gedanken noch das Element der Dunkelheit und des Todes war, wird plötzlich zum Element des Lebens und der neuen Hoffnung. Aus dem Korn, das in der Erde erstirbt, entwächst aus dem Acker ein Keim der Hoffnung.

Das Lied verbindet damit die Passionszeit mit der Osterzeit. In beiden Zeiten können wir es singen oder beten. Es beschreibt die Schwere, die Dunkelheit - in der aber bereits ein schmaler Streifen des Osterlichtes sichtbar wird.

Möge uns so die Passions- und Osterzeit Kraft und Hoffnung geben diese veränderte und schwierige Zeit zu schaffen. Vielleicht mag auch das Gedicht dabei helfen, das ein Bruder aus Irland in diesen Tagen geschrieben hat:

Lockdown

Ja, es gibt Angst.

Ja, es herrscht Isolation.

Ja, es gibt Panikkäufe.

Ja, es gibt Krankheit.

Ja, es gibt sogar den Tod.

Ja, aber..,

Sie sagen, dass in Wuhan nach so vielen Jahren des Lärms

man die Vögel wieder singen hören kann.

Sie sagen, dass nach nur wenigen Wochen der Ruhe

der Himmel nicht mehr dick mit Rauch ist,

sondern blau und grau und klar.

Sie sagen, dass in den Straßen von Assisi

die Menschen sich gegenseitig ansingen 

über die leeren Plätze hinweg,

und ihre Fenster offen halten

damit diejenigen, die allein sind, 

die Klänge der Familien um sie herum hören können.

Sie sagen, dass ein Hotel im Westen Irlands

kostenlose Mahlzeiten und Lieferung für die ans Haus Gefesselten anbietet.

Heute ist eine junge Frau, die ich kenne, 

damit beschäftigt, in der Nachbarschaft

Flugblätter mit ihrer Telefonnummer zu verteilen, 

damit die Älteren jemanden haben, an den sie sich wenden können.

Heute bereiten sich Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel

darauf vor, Obdachlose, Kranke und Müde willkommen zu heissen

und ihnen Unterschlupf zu gewähren.

Überall auf der Welt werden die Menschen langsamer und nachdenklicher.

Überall auf der Welt schauen die Menschen ihre Nachbarn auf neue Weise an.

Überall auf der Welt wachen die Menschen zu einer neuen Wirklichkeit auf.

Dazu, wie groß wir wirklich sind.

Dazu, wie wenig Kontrolle wir wirklich haben.

Zu dem, was wirklich zählt.

Zur Liebe.

Also beten wir und erinnern uns:

Ja, es gibt Angst.

aber daraus muss kein Hass werden.

Ja, es gibt Isolation,

aber es muss keine Einsamkeit herrschen.

Ja, es gibt Panikkäufe,

aber es braucht keinen Geiz zu geben.

Ja, es gibt Krankheit,

aber daraus muss keine Krankheit der Seele folgen.

Ja, es gibt sogar den Tod,

aber es kann immer eine neue Geburt der Liebe geben.

Wach auf zur Entscheidung, wie wie Du jetzt leben willst.

Atme heute tief durch.

Höre hinter dem Fabriklärm Deiner Panik,

dass die Vögel wieder singen.

Der Himmel hellt sich auf,

der Frühling steht vor der Tür,

und wir sind immer von Liebe umgeben.

Öffne die Fenster Deiner Seele.

Und obwohl Ihr Euch vielleicht

über den leeren Platz hinweg nicht anfassen könnt,

singt.

-von Richard Hendrick (Bruder Richard) in Irland

13. März 2020

Pfrn. Lisa Interschick und Martin Höfflin-Glünkin